Kapitel 03 · Die Wissenschaft

Spezielle Relativitätstheorie

Stell dir vor, du jagst einem Lichtstrahl nach. Diese Tagträumerei hatte Einstein mit sechzehn, und er verbrachte zehn Jahre damit, ihren Folgen nachzugehen. Die Antwort, 1905 veröffentlicht: Raum und Zeit sind nicht die feste Bühne, die wir annehmen – sie dehnen und stauchen sich, damit eines absolut bleibt: die Lichtgeschwindigkeit.

Zwei einfache Ideen

Die Spezielle Relativitätstheorie ruht auf nur zwei Postulaten. Sie klingen harmlos. Sind sie nicht.

1 · Das Relativitätsprinzip

Die Gesetze der Physik sind für alle gleich, die sich mit konstanter Geschwindigkeit bewegen. Es gibt kein Experiment in einem gleichmäßig fahrenden Zug, das verraten würde, ob man sich bewegt oder stillsteht.

2 · Die Konstanz des Lichts

Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum, c ≈ 299.792 km/s, ist für jeden Beobachter gleich – egal, wie schnell er oder die Lichtquelle sich bewegen. Jage einem Lichtstrahl mit 99 % von c nach, und er entfernt sich noch immer mit dem vollen c.

Gedankenexperiment · Aarau, 1895/96

Dem Lichtstrahl hinterher

Mit 16 Jahren, als Schüler an der Kantonsschule in Aarau, beschäftigte Einstein eine Frage: Was wäre, wenn man einem Lichtstrahl mit Lichtgeschwindigkeit nacheilt? Dann müsste man das Licht, so erinnerte er sich später, als ruhendes, räumlich schwingendes elektromagnetisches Feld sehen. So etwas scheine es aber nicht zu geben – weder nach der Erfahrung noch nach den Maxwellschen Gleichungen. In diesem Widerspruch sah er rückblickend schon den Keim der Relativitätstheorie.

Probier es selbst aus. Oben fliegt ein Ball mit 100 km/h, unten ein Lichtstrahl. Mit dem Regler legst du fest, wie schnell du hinterherrennst – als Anteil am Tempo von Ball und Licht.

Interaktiv · Gedankenexperiment, Aarau 1895/96

Dem Lichtstrahl hinterher

Du rennst einem Lichtstrahl mit 90 % der Lichtgeschwindigkeit hinterher. Wie schnell entfernt er sich von dir?

Nach Newton erwartet299.792 km/s

Gemessen299.792 km/s

Anteil am Tempo von Ball und Licht · du läufst gerade 0 km/h · 0 km/s

Zieh den Regler auf 90 %: Wie schnell entkommt dir das Licht?

Drei Aufträge

  1. Stell 50 % ein: Mit welchem Tempo entfernt sich der Ball?
  2. Drück Newtons Erwartung für das Licht unter 30.000 km/s.
  3. Geh bis ans Ende: 99,9 %.

Beim Ball stimmt die Alltagsrechnung: Du ziehst dein Tempo einfach ab. Beim Licht nicht. Egal, wie schnell du bist, du misst immer dieselben 299.792 km/s. Genau das stellte Einstein 1905 als Grundsatz an den Anfang: Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum ist für jeden gleich, der sich gleichförmig bewegt. Damit das für alle zugleich stimmen kann, müssen Zeit und Länge nachgeben – davon handelt der Rest dieses Kapitels.

Für Neugierige: die Rechnung

Newton rechnet einfach: Relativgeschwindigkeit = u − v. Nach Einstein gilt für ein Tempo u (vom Boden aus gemessen) und dein Tempo v in derselben Richtung:

u′ = (u − v) / (1 − u·v/c²)

Beim Licht ist u = c, also u′ = (c − v) / (1 − v/c) = c – für jedes v unterhalb von c. Beim Ball (u = 100 km/h, v = 90 km/h) ist u·v/c² ≈ 7,7 · 10⁻¹⁵: Das Ergebnis weicht um weniger als ein Billionstel km/h von 10 km/h ab. Deshalb fliegt der Ball mit Alltagstempo – dort ist Newton genau genug.

Die Pfosten am Rand der Lichtbahn rücken bei hohem Tempo zusammen: In deinem System sind ihre Abstände um den Faktor γ = 1/√(1 − v²/c²) verkürzt, bei 99,9 % etwa 22-fach (Längenkontraktion). Die Zeichnung zeigt, was du misst, nicht was dein Auge sähe.

Was folgt: die Zeit dehnt sich

Aus diesen beiden Postulaten leitete Einstein Effekte ab, die seither unzählige Male bestätigt wurden – durch Teilchenbeschleuniger, rund um die Welt geflogene Atomuhren und das GPS in deinem Handy.

Zeitdilatation

Eine bewegte Uhr tickt langsamer als eine ruhende. Wärst du schnell genug unterwegs, würdest du langsamer altern als die Zurückgebliebenen.

Längenkontraktion

Ein bewegtes Objekt wird in Bewegungsrichtung kürzer gemessen. Nahe der Lichtgeschwindigkeit erschiene ein Raumschiff gestaucht.

Relativität der Gleichzeitigkeit

Zwei Ereignisse, die dir gleichzeitig erscheinen, können für jemand anderen, der sich relativ zu dir bewegt, zu verschiedenen Zeiten geschehen. Ein universelles „Jetzt“ gibt es nicht.

Das kosmische Tempolimit

Nichts mit Masse kann c erreichen. Je näher man kommt, desto mehr Energie ist nötig – grenzenlos. Genau das beschreibt E = mc².

Gedankenexperiment · Einstein 1917

Zug und Blitz: Was heißt „gleichzeitig“?

Für seine gemeinverständliche Schrift „Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie“ (Vorwort vom Dezember 1916, erschienen 1917 bei Vieweg in Braunschweig) erfand Einstein ein Bild, das bis heute in fast jedem Lehrbuch steht. Ein sehr langer Zug fährt mit konstanter Geschwindigkeit an einem Bahndamm entlang. An zwei Stellen, A und B, schlagen Blitze ein. Genau in der Mitte zwischen A und B steht am Bahndamm eine Beobachterin M; in der Mitte des Zuges sitzt ein Beobachter M′, der im Augenblick der Blitze gerade an ihr vorbeifährt.

Das Licht beider Blitze trifft im selben Moment bei M ein – für den Bahndamm sind die Einschläge gleichzeitig. M′ aber fährt dem Licht von B entgegen und dem Licht von A davon. Er sieht B zuerst. Weil die Lichtgeschwindigkeit auch im Zug in beide Richtungen dieselbe ist und beide Einschlagstellen im Zug gleich weit von ihm entfernt liegen, muss er schließen: B hat früher eingeschlagen als A. Das ist keine Täuschung durch die Laufzeit des Lichts, sondern bleibt übrig, nachdem man sie herausgerechnet hat.

Deine Vorhersage

Im System des Zuges schlägt B vor A ein. Was passiert mit diesem Zeitabstand, wenn der Zug doppelt so schnell fährt – 80 % statt 40 % der Lichtgeschwindigkeit?

Interaktiv · Gedankenexperiment

Zug und Blitz

–
Abstand der beiden Einschläge, gemessen in diesem System
–
Was M′ in der Zugmitte zuerst sieht (Zeit in diesem System)

Abstand A–B am Bahndamm: 300 m. Zeitpunkt null: der Augenblick, in dem M′ an M vorbeifährt.

Auflösung

CEr wird mehr als doppelt so groß.

Bei 40 % der Lichtgeschwindigkeit schlägt B im Zug rund 437 Nanosekunden vor A ein, bei 80 % sind es rund 1.334 – etwa dreimal so viel. Der Abstand wächst schneller als das Tempo, weil der Lorentz-Faktor γ mitwächst. Das ist keine Täuschung durch die Laufzeit des Lichts, die ist herausgerechnet: Was gleichzeitig ist, hängt vom Bezugssystem ab.

Für Neugierige: die Rechnung

Zeitabstand im Zug: Δt′ = γ · v · L / c² mit L = 300 m, also L / c ≈ 1.000,7 ns. Bei 40 %: γ = 1 / √(1 − 0,4²) ≈ 1,091, Δt′ ≈ 1,091 · 0,4 · 1.000,7 ns ≈ 437 ns. Bei 80 %: γ ≈ 1,667, Δt′ ≈ 1,667 · 0,8 · 1.000,7 ns ≈ 1.334 ns.

Quelle: Wikipedia: Relativität der Gleichzeitigkeit

Aufträge0 von 2 erledigt

  • Stell das Tempo so ein, dass die Blitze auch für den Zug gleichzeitig einschlagen.offen
  • Wechsle in die Sicht aus dem Zug und finde das langsamste Tempo, bei dem B mehr als eine Mikrosekunde (1.000 ns) vor A einschlägt.offen

Interaktives Experiment auf deiner Webseite einbetten

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Schalte den Rechner auf „Sicht aus dem Zug“: Jetzt ruht der Zug, der Bahndamm gleitet vorbei, und die Blitze schlagen tatsächlich nacheinander ein. Beide Bilder beschreiben dieselben Ereignisse und stimmen darin überein, wer was in welcher Reihenfolge sieht. Der Zug wirkt in seinem eigenen System länger, denn seine Ruhelänge ist γ-mal so groß wie die Länge, die man vom Bahndamm aus misst.

Der Rechner benutzt die Lorentz-Transformation t′ = γ·(t − v·x/c²). Zwei Ereignisse, die im System des Bahndamms gleichzeitig im Abstand L stattfinden, liegen im System des Zuges γ·v·L/c² auseinander – bei halber Lichtgeschwindigkeit und 300 m rund 578 Nanosekunden. Bei 100 km/h wären es nur etwa 0,09 Pikosekunden, weniger als ein Zehntel einer billionstel Sekunde; deshalb merkt im Alltag niemand etwas davon. Übrigens kommt der Zug in der Arbeit von 1905 noch nicht vor: Dort leitete Einstein die Relativität der Gleichzeitigkeit aus der Frage ab, wie man entfernte Uhren synchronisiert.

Ereignisse, welche in bezug auf den Bahndamm gleichzeitig sind, sind in bezug auf den Zug nicht gleichzeitig und umgekehrt (Relativität der Gleichzeitigkeit).Albert EinsteinÜber die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie, § 9 (1917)
Quellen:
  1. A. Einstein, „Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie (gemeinverständlich)“, Braunschweig: Vieweg 1917, § 9 „Die Relativität der Gleichzeitigkeit“ (Project Gutenberg).
  2. Wikipedia: Relativität der Gleichzeitigkeit; Lorentz-Transformation.
  3. Wikipedia (en): Relativity of simultaneity – der Zug fehlt in der Arbeit von 1905.

Probiere es selbst

Die Zeitdilatations-Maschine

Wie sehr verlangsamt sich die Zeit wirklich? Ziehe den Regler, um deine Geschwindigkeit als Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit festzulegen, und sieh, was mit einem Reisejahr passiert.

Deine Vorhersage

Eine Rakete fliegt mit 87 % der Lichtgeschwindigkeit. Von der Erde aus gemessen: Wie viele Jahre vergehen auf der Erde, während die Uhr an Bord ein Jahr weiterläuft?

Interaktiv · Spezielle Relativität

Die Lichtuhr

0
Takte auf der Erde
0
Takte in der Rakete
Dieselbe Lichtuhr, zweimal gezeigt. Ein Photon springt zwischen zwei Spiegeln – ein „Tick“ pro Sprung. Je schneller die Rakete fliegt, desto länger der diagonale Lichtweg, desto langsamer tickt sie. Stell die Geschwindigkeit unten ein.
1.15
Lorentz-Faktor γ (die „Streckung“)
1.15 J.
vergehen auf der Erde …
1,00 J.
… für jedes Jahr, das du an Bord erlebst

Bei 99,9 % der Lichtgeschwindigkeit sind ein einziges Jahr für dich über 22 Jahre daheim. Schiebe den Regler nach rechts und sieh, wie γ gegen unendlich strebt, je näher du c kommst.

Auflösung

BEtwa zwei Jahre.

Bei 87 % der Lichtgeschwindigkeit ist der Lorentz-Faktor γ ≈ 2: Für jedes Jahr an Bord vergehen auf der Erde etwa zwei. Die Uhr an Bord ist nicht kaputt: Von der Erde aus gemessen vergeht für die bewegte Uhr die Zeit wirklich langsamer – und von der Rakete aus gemessen gilt dasselbe umgekehrt für die Uhren der Erde. Das heißt Zeitdilatation. Bei Alltagstempo ist der Effekt winzig, nahe der Lichtgeschwindigkeit wächst er ohne Grenze.

Für Neugierige: die Rechnung

γ = 1 / √(1 − v²/c²) = 1 / √(1 − 0,87²) = 1 / √0,2431 ≈ 2,03.

Quelle: Wikipedia: Zeitdilatation

Aufträge0 von 2 erledigt

  • Stell das Tempo so ein, dass für die Astronautin die Zeit halb so schnell vergeht (von der Erde aus gemessen).offen
  • Finde das Tempo, bei dem auf der Erde etwa zehn Jahre vergehen, während an Bord eines vergeht.offen

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Quellen:
  1. Wikipedia: Zeitdilatation – experimentelle Bestätigungen.
  2. Wikipedia: GPS – relativistische Korrekturen.

Probiere es mit deinem Alter

Das Zwillingsparadoxon

Die Zeitdilatation hat eine berühmte Folge. Schon 1905 schloss Einstein: Wird eine von zwei synchronisierten Uhren von A nach B bewegt, geht sie danach gegenüber der Uhr nach, die in B gewartet hat. 1911 machte der französische Physiker Paul Langevin daraus die Geschichte eines Raumreisenden, der zwei Jahre altert, während auf der Erde 200 Jahre vergehen. Heute erzählt man sie mit Zwillingen: Die eine bleibt auf der Erde, der andere fliegt fast mit Lichtgeschwindigkeit zu einem Stern und zurück – und kommt jünger an als seine Schwester.

Deine Vorhersage

Du fliegst mit 99 % der Lichtgeschwindigkeit nach Alpha Centauri (4,34 Lichtjahre) und zurück. Wie lange dauert die Reise für dich an Bord?

Interaktiv · Spezielle Relativität

Deine eigene Zwillingsreise

–
– J.
vergehen an Bord
– J.
vergehen auf der Erde
–
Lorentz-Faktor γ

Vereinfacht: gleichförmige Hin- und Rückreise mit sofortiger Umkehr; Beschleunigen und Abbremsen sind weggelassen.

Auflösung

AEtwa 1,2 Jahre.

Auf der Erde vergehen etwa 8,8 Jahre (hin und zurück 8,7 Lichtjahre bei 99 % c). Deine Uhr an Bord läuft dabei um den Faktor γ ≈ 7,1 langsamer: Für dich sind es nur etwa 1,2 Jahre. Du kommst jünger zurück als deine Zwillingsschwester. Ein Widerspruch ist das nicht, denn nur du hast gewendet und dabei dein Bezugssystem gewechselt.

Für Neugierige: die Rechnung

Erdzeit T = 2 · 4,344 Lichtjahre / 0,99 c ≈ 8,78 Jahre. γ = 1 / √(1 − 0,99²) ≈ 7,09. Bordzeit τ = T / γ ≈ 1,24 Jahre.

Quelle: Wikipedia: Zwillingsparadoxon

Aufträge0 von 2 erledigt

  • Plane eine Reise, nach der du mindestens zehn Jahre jünger zurückkommst als deine Schwester.offen
  • Flieg zur Beteigeuze (rund 550 Lichtjahre) und komm noch zu Lebzeiten zurück – mit höchstens 120 Jahren.offen

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Der Rechner vereinfacht bewusst: Das Raumschiff fliegt hin und zurück mit gleichbleibender Geschwindigkeit und kehrt ohne Zeitverlust um; Beschleunigen, Umkehren und Abbremsen fehlen, die Erde gilt als ruhend. Auf der Erde vergeht dann die Zeit 2 × Entfernung ÷ Geschwindigkeit, an Bord nur der γ-te Teil davon. Die Entfernungen stammen aus der englischen Wikipedia; bei Beteigeuze ist sie unsicher (rund 400 bis 600 Lichtjahre).

Quellen:
  1. Wikipedia: Zwillingsparadoxon; Wikipedia (en): Twin paradox – Einstein 1905, Langevin 1911, zwei Inertialsysteme, Umkehr ohne Beschleunigung.
  2. Entfernungen (englische Wikipedia): Alpha Centauri (Proxima 4,2465 Lj, α Cen AB 4,344 Lj); Sirius (8,6 Lj); Betelgeuse (548 Lj; Schätzungen 400–600 Lj); Galactic Center (ca. 26.000 Lj); Andromeda Galaxy (ca. 2,5 Mio. Lj).

Raumzeit: Minkowskis Geschenk

Albert Einstein um 1920, auf dem Höhepunkt seines frühen Ruhms
Einstein um 1920. Inzwischen hatte ihn die Relativität weltberühmt gemacht.Bild: Unknown photographer (ETH-Bibliothek Zürich). Gemeinfrei, über Wikimedia Commons (Quelle)

1908 zeigte der Mathematiker Hermann Minkowski – einst Einsteins Lehrer an der ETH Zürich –, dass sich die Spezielle Relativität am natürlichsten beschreiben lässt, indem man Raum und Zeit zu einem vierdimensionalen Gewebe verschmilzt: der Raumzeit. Ereignisse haben nicht nur einen Ort, sondern einen Ort und einen Moment, ineinander verwoben.

Einstein tat die Idee zunächst als mathematisches Beiwerk ab. Bald änderte er seine Meinung. Die Raumzeit wurde zur Bühne, auf der er sein Meisterwerk errichtete – die Allgemeine Relativitätstheorie, in der sich dieses Gewebe selbst krümmt.

Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion.Albert EinsteinBrief an die Familie von Michele Besso, 21. März 1955