Prüfstand · Quanten

Die große Debatte

Jahrelang stritten zwei der größten Physiker des 20. Jahrhunderts darüber, was die Quantenmechanik wirklich über die Welt sagt. Einstein erdachte Gedankenexperimente, um die Theorie zu überführen; Niels Bohr suchte in jedem den Fehler. Verfolge die Argumente selbst – und sag voraus, wer die bessere Antwort hat.

Zwei Freunde, ein Streit

Einstein hatte die Quantenphysik selbst mitbegründet: 1905 erklärte er Licht als aus Quanten bestehend, und vor allem für diese Arbeit über den Photoeffekt erhielt er den Nobelpreis. Als aber Werner Heisenberg, Max Born, Erwin Schrödinger, Niels Bohr und andere ab 1925 eine vollständige Quantenmechanik aufbauten, war Einstein unzufrieden. Er bezweifelte nicht, dass die Theorie richtig rechnet. Er bezweifelte, dass sie die ganze Wirklichkeit beschreibt – dass der Zufall in den Naturgesetzen selbst stecken soll.

Bohr, der dänische Gründer des Kopenhagener Instituts, verteidigte die neue Theorie. Die beiden schätzten einander sehr. Ihre Auseinandersetzungen – auf den Solvay-Konferenzen in Brüssel 1927 und 1930 und 1935 in Fachzeitschriften – gehören zu den berühmtesten Diskussionen der Physikgeschichte.

Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das doch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.Albert EinsteinBrief an Max Born, 4. Dezember 1926 (Einstein/Born, Briefwechsel 1916–1955, München 1969, S. 129 f.)

Daraus wurde das Schlagwort „Gott würfelt nicht“; so knapp steht es im Brief nicht.

Gruppenfoto der fünften Solvay-Konferenz 1927, Physiker in drei Reihen
Die fünfte Solvay-Konferenz, Brüssel, Oktober 1927. Einstein sitzt in der Mitte der vorderen Reihe, Bohr am rechten Ende der mittleren Reihe.Bild: Benjamin Couprie, Institut International de Physique Solvay. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons (Quelle)

Verfolge die Debatte

Jede Runde hat drei Teile: Einsteins Gedankengang nachvollziehen, Bohrs Antwort vorhersagen, dann die belegte Auflösung lesen.

Interaktiv · Dialog-Rätsel

Einstein und Bohr: drei Runden

Runde 1 · Brüssel, Oktober 1927

Der Spalt, der zurückweicht

  1. Elektronen fliegen einzeln durch zwei Spalte. Nach vielen Elektronen entsteht auf dem Schirm dahinter ein Streifenmuster – als ginge jedes Elektron wie eine Welle durch beide Spalte.
  2. Einstein schlug, so erzählte es Bohr später, vor, einen ersten Schirm mit einem einzelnen Spalt beweglich an Federn aufzuhängen. Fliegt ein Elektron danach zum oberen Spalt, wird es nach oben abgelenkt und gibt dem Schirm einen winzigen Stoß nach unten – und umgekehrt. Am Rückstoß ließe sich ablesen, welchen Spalt das Elektron nahm.
  3. Dann hätte man beides: den Weg jedes Elektrons und das Streifenmuster. Die Quantenmechanik und Heisenbergs Unschärferelation (1927) sagen, dass das unmöglich ist. Einsteins Frage: Ist die Theorie hier einfach zu vorsichtig?

Deine Vorhersage

Was antwortet Bohr?

Bohrs Antwort und die Auflösung

Bohr antwortete, dass auch der erste Schirm ein Gegenstand ist, für den die Unschärferelation gilt. Um am Rückstoß den Weg abzulesen, muss man seinen Impuls sehr genau kennen. Dann ist sein Ort unscharf – und zwar ungefähr um den Abstand zweier Streifen. Die hellen und dunklen Streifen vieler Elektronen fallen dann übereinander, und das Muster wird gleichmäßig grau. Weg oder Streifen: Beides zugleich gibt es nicht.

Eine historische Fußnote: Wir kennen diesen Wortwechsel vor allem aus Bohrs Bericht von 1949, den er aus der Erinnerung schrieb. Im gedruckten Protokoll der Konferenz von 1927 steht Einsteins Einwand in anderer Form – ein einzelner Spalt und ein halbkugelförmiger Schirm. Dort fragte er, wie es kommt, dass das Teilchen nur an einer Stelle ankommt, obwohl sich seine Welle über den ganzen Schirm ausbreitet: eine frühe Form seiner Sorge um Fernwirkungen.

Runde 2 · Brüssel, 1930

Der Kasten voller Licht

  1. Ein Kasten voller Licht hängt an einer Federwaage. In einer Wand ist ein Loch mit einer Klappe, die eine Uhr im Kasten für einen genau bekannten, kurzen Moment öffnet. Ein Photon entweicht.
  2. Der Kasten wird vorher und nachher gewogen. Nach E = mc² verrät der Gewichtsunterschied die Energie des Photons – beliebig genau, wenn man genau wiegt.
  3. Damit wären der Zeitpunkt (von der Uhr) und die Energie (von der Waage) zugleich scharf bekannt. Die Quantenmechanik sagt: Je genauer der Zeitpunkt feststeht, desto unschärfer ist die Energie (Energie-Zeit-Unschärfe). Einsteins Ziel: diese Grenze zu unterlaufen.

Deine Vorhersage

Was antwortet Bohr?

Bohrs Antwort und die Auflösung

Léon Rosenfeld, der dabei war, berichtete später, der Einwand sei für Bohr ein echter Schock gewesen; er sei den ganzen Abend sehr aufgewühlt gewesen und habe die Antwort erst am nächsten Morgen gefunden. Sie steckt in der Waage. Um das Gewicht genau abzulesen, muss man die Lage des Kastens an einer Skala genau kennen. Je genauer die Lage, desto unschärfer sein Impuls – und damit, wie genau sich das Gewicht in der verfügbaren Zeit bestimmen lässt. Und weil der Kasten im Schwerefeld der Erde hängt, gilt etwas, das Einstein selbst aus seinem Äquivalenzprinzip abgeleitet hatte (1907/1911): Uhren in verschiedener Höhe gehen verschieden schnell. Eine Unsicherheit in der Höhe des Kastens wird so zu einer Unsicherheit in der Anzeige seiner Uhr. Beides zusammen ergibt genau die Energie-Zeit-Unschärfe.

Nach 1930 griff Einstein die innere Widerspruchsfreiheit der Quantenmechanik nicht mehr an. Seine neue Frage lautete: Ist sie vollständig?

Runde 3 · Princeton, 1935

Zwei Teilchen, weit voneinander

  1. Einstein, Boris Podolsky und Nathan Rosen betrachten zwei Teilchen, die einmal aufeinander gewirkt haben und dann weit auseinanderfliegen. Ihre Eigenschaften sind so verknüpft, dass man aus einer Messung am einen Teilchen sicher vorhersagen kann, was die passende Messung am anderen ergibt.
  2. Ihr Kriterium: Kann man einen Wert vorhersagen, ohne ein Teilchen in irgendeiner Weise zu stören, dann gibt es dafür ein „Element der Wirklichkeit“. Misst man am ersten Teilchen den Ort, kennt man den Ort des zweiten; misst man den Impuls, kennt man dessen Impuls – beides, ohne das zweite Teilchen zu berühren.
  3. Also, schließen sie, muss das zweite Teilchen Ort und Impuls schon die ganze Zeit gehabt haben, und die Quantenmechanik, die das nicht beschreibt, ist unvollständig. Die einzige Alternative wäre, dass eine Messung hier sofort etwas dort verändert – und das schien ihnen unvernünftig.

Deine Vorhersage

Was antwortet Bohr?

Bohrs Antwort und die Auflösung

Bohr antwortete noch im selben Jahr, in derselben Zeitschrift und unter demselben Titel. Er bestritt die Worte „ohne in irgendeiner Weise zu stören“. Mechanisch werde das zweite Teilchen zwar nicht gestört, argumentierte er, aber die Wahl der Messung am ersten bestimme, welche Arten von Vorhersagen über das zweite überhaupt möglich sind. Ort und Impuls verlangen einander ausschließende Messanordnungen; man kann nicht beide Werte als einfach vorhandene Wirklichkeit behandeln. Viele Physiker fanden Bohrs Antwort schwer verständlich, und die beiden überzeugten einander nie. Fast dreißig Jahre lang schien die Frage eine der Philosophie zu sein – bis John Bell eine Messung daraus machte.

Nachspiel · 1964 bis 2022

Bell macht ein Experiment daraus

  1. 1964 zeigte der nordirische Physiker John Bell: Wenn Einstein recht hat – wenn jedes Teilchen seine Messergebnisse schon vorher mit sich trägt und nichts schneller als das Licht wirkt –, dann können die Übereinstimmungen zwischen den beiden Messungen eine bestimmte Grenze nicht überschreiten.
  2. In einer viel benutzten Form (nach Clauser, Horne, Shimony und Holt, 1969) fasst man vier Messreihen mit verschiedenen Einstellungen zu einer Zahl S zusammen. Einsteins Welt erlaubt höchstens S = 2. Für die günstigsten Einstellungen sagt die Quantenmechanik bis zu 2√2 ≈ 2,83 voraus.
  3. Jetzt entscheidet kein Streitgespräch mehr, sondern das Labor: John Clauser (1972), Alain Aspect (1982) und viele nach ihnen messen.

Deine Vorhersage

Was zeigen die Messungen?

Bohrs Antwort und die Auflösung

1982 maß Aspects Gruppe in Orsay S = 2,697 ± 0,015; die Quantenmechanik hatte für diesen Aufbau 2,70 ± 0,05 vorhergesagt. Spätere Versuche schlossen nacheinander die Schlupflöcher, die Skeptiker noch sahen. 2015 gelangen in Delft, in Wien und am NIST in Boulder Tests, die alle wichtigen zugleich schlossen. 2022 erhielten Alain Aspect, John F. Clauser und Anton Zeilinger den Nobelpreis für Physik „für Experimente mit verschränkten Photonen, den Nachweis der Verletzung der Bellschen Ungleichungen und Pionierarbeit in der Quanteninformationswissenschaft“ (Übersetzung der englischen Begründung).

Wer hatte recht?

Niels Bohr und Albert Einstein sitzen beieinander, Bohr spricht, Einstein hört zu
Niels Bohr und Albert Einstein, fotografiert von Paul Ehrenfest in dessen Haus in Leiden, vermutlich im Dezember 1925.Bild: Paul Ehrenfest. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons (Quelle)

In den Runden von 1927 und 1930 hielt Bohrs Verteidigung stand, und Einstein erkannte das an: Danach griff er nicht mehr die Widerspruchsfreiheit der Quantenmechanik an, sondern ihre Vollständigkeit.

Bei EPR liegt die Sache feiner. Die Experimente zeigen: Eine Welt, in der jedes Teilchen seine Messwerte vorab festgelegt mit sich trägt und keine Wirkung schneller als das Licht ist („lokale verborgene Variablen“), gibt es nicht. Genau dieses Bild hatte sich Einstein gewünscht. Zugleich lässt sich mit Verschränkung keine Nachricht schneller als das Licht senden – Einsteins Relativitätstheorie bleibt unangetastet.

Widerlegt hat Einstein die Quantentheorie mit seinen Einwänden nicht, aber er hat sie geschärft. Die Verschränkung, die er für ein Zeichen der Unvollständigkeit hielt und 1947 in einem Brief an Max Born „spukhafte Fernwirkungen“ nannte, ist heute eine zentrale Ressource für Quantencomputer und manche Verfahren der Quantenkryptografie. Wie man die Quantenmechanik deuten soll, ist unter Physikern bis heute umstritten – ausgeschlossen ist nur Einsteins lokale, vorab festgelegte Wirklichkeit.

If, without in any way disturbing a system, we can predict with certainty (i.e., with probability equal to unity) the value of a physical quantity, then there exists an element of physical reality corresponding to this physical quantity.Einstein, Podolsky, RosenA. Einstein, B. Podolsky, N. Rosen, Physical Review 47 (1935), S. 777 (englisches Original). Auf Deutsch: Wenn wir, ohne ein System in irgendeiner Weise zu stören, den Wert einer physikalischen Größe mit Sicherheit (d. h. mit der Wahrscheinlichkeit eins) vorhersagen können, dann gibt es ein Element der physikalischen Wirklichkeit, das dieser Größe entspricht.